Der schlimmste Virus ist blinder Gehorsam…genau.

Eine Erwiderung auf den Text Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen auf Zündlumpen und der darin enthaltenen Polemik gegen meinen Artikel Neulich im Supermarkt…“Der Ball muss rollen!

Foto aus der Rubrik „Graffito der Woche“ auf Zündlumpen

Hier erstmal der Teil des langen Artikels, der sich mit meinem Text befasst:

Ein auf der Webseite der FdA-Anarchist*innen gespiegelter Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra fasst in einem Absatz paradigmatisch zusammen, was ich in den letzten Wochen als Haltung vieler „radikaler Linker“ vernommen habe:

„Ja, die Pandemie ist scheiße, nervt und die Gegenmaßnahmen schränken unser alltägliches Leben ein. Aber was ist denn die Alternative? So zu tun, als ob es sie gar nicht gäbe? Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über Bord werfen und den Tod von vielen Menschen in Kauf nehmen, damit wir wieder Party machen und willenlos shoppen können? Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden. Leid zu minimieren sollte auch jetzt unsere Motivation sein. Es leiden und sterben echte Menschen. Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. […].“ [2]

Nun, nigra, ich will da nur für mich sprechen und nicht wie du für alle „anarchistischen Bewegungen“, aber ich habe mit Sicherheit keine solche „moralische“ Motivation, wie die von der du sprichst. Ich soll mich „zurücknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben? Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen Autorität fügen, die du wie vorher in deinem Artikel bemerkt, in diesem Fall lieber nicht ablehnst, weil du sie selbst für richtig hältst („Ich befürworte einige der Maßnahmen und Regeln nicht, weil sie vom Staat kommen, sonndern weil ich sie nach meinem bisherigen Wissensstand für zielführend und richtig halte“)? Gehorchen, statt rebellieren, das ist über kurz oder lang häufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher gewesen, mit der sie versuchten, echten Widerstand gegen die schlimmsten autoritären Zumutungen zu ersticken. Die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“, von denen du da sprichst, sind sie nicht Teil eines Herrschaftsgefüges? Und wenn du die Alternative aus „Leid und Tod“ von Menschen und dem „uns zurücknehmen“ aufmachst, wie kommt es da, dass du offenbar so erfolgreich ausklammerst, dass dieses „sich zurücknehmen“, dieses den Dingen ihren Lauf lassen schon in der Präpandemischen Normalität nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat? Und wenn ich als Anarchist*in antreten würde, um jedem „Leid und Tod“ entgegenzutreten, toleriere ich dann in deiner Welt auch die sterile Herrschaft von Ausgangssperren, Quarantänisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologischer Bevormundung, die mich und mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt? Wenn deine Antwort auf diese Fragen ja lautet – und das vermittelt mir zumindest dein Artikel –, dann stehst du für mich auf Seiten des Staates.

Während nigra hier offensichtlich wenigstens mit einem Anflug von schlechtem Gewissen die Seite des Staates wählt, […]

Ich werde nicht den ganzen Text behandeln, sondern nur den Teil, der sich auf meinen Artikel bezieht.

Hmmm, es ist gar nicht so einfach auf diese Kritik zu antworten: Sie ist ziemlich polemisch, verkürzt und ungerecht. Aber wahrscheinlich ist „ungerecht“ zu moralisierend für den*die Autor*in. Egal, ich empfinde es aber so.

Der* die Autor*in ist jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und Radikalität für sich gepachtet zu haben scheint. Mein Text sei ein „Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra“ und spiegele die Haltung vieler „radikaler Linker“ zum Thema Corona-Maßnahmen. Die Anführungszeichen zeigen schon woher der Wind weht: Sie sollen zeigen, dass weder eine Mitgliedschaft in der FdA und diese selbst ernst genommen wird, noch kann sich nicht jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zählen. Dafür muss schon der Anarchie-Test der*des Autor*in bestanden werden. Ob ich das will?

Der*die Autorin kritisiert meine generalisierte Behauptung „Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden.“. Sie*er hat keine solche Motivation. Welche hat die Person dann? Was ist ihre Motivation, Anarchist*in zu sein? Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufällig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen? Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist? Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen, weil inzwischen auch der Staat sie abschalten will? Was muss das für eine herrlich einfache Schwarz-Weiß-Welt sein. Ohne Zweifel und Kompromisse. Ich habe ständig Zweifel, obwohl ich mich schon seit vielen Jahren in der anarchistischen Bewegung bewege. Oder vielleicht deswegen. Und sicher auch, weil ich nie in einem anarchistischen Großstadt-Kiez gelebt habe, sondern in der Provinz, wo wir immer die krasse Minderheit waren und sind und uns ständig mit den Realitäten der Gesellschaft auseinandersetzen müssen und oft auch komische Bündnisse eingehen, um zumindest eine handvoll Leute gegen die Nazis oder die Klimakatastrophe auf die Straße zu bringen.
Es wird sich darüber aufgeregt, dass ich schreibe, wir sollten uns, um Menschenleben zu retten, zurücknehmen: „Ich soll mich „zurücknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben?“ Ja, warum nicht? Was wäre daran falsch? Aus meinem Vorschlag wird dann „Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen Autorität fügen“ gebastelt. Nein, du sollst nicht gehorchen und dich fügen. Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen. Ich habe Mund-Nasen-Schutz schon vier Wochen bevor der Staat ihn verordnete propagiert und getragen, weil mich die Argumente von spanischen Genoss*innen überzeugt haben. Bin ich jetzt wieder ein richtiger und guter Anarchist? Weil ich die Idee von Anarch@s übernommen habe? Oder soll ich mich jetzt – nur weil der Staat eine Maskenpflicht eingeführt hat – gegen Mund-Nasen-Schutz aussprechen? Der schlimmste Virus ist blinder Gehorsam…genau.

Die Person will auf jeden Fall rebellieren statt zu gehorchen, denn gehorchen statt rebellieren „ist über kurz oder lang häufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher“. Wo kommt denn das jetzt her? Wo ist die Verbindung zu dem, was ich geschrieben habe? Die Person bastelt so lange herum, bis sie ihre coolen Sprüche passend an den Mensch bringen kann.
Auch wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Hier und Jetzt oft „Teil eines Herrschaftsgefüges“ sind (da bin ich ganz bei dir): Sind sie deswegen zwingend immer falsch? Ist 5 x 5 nicht immer 25? Im Kapitalismus wie in der Anarchie? Sind Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend? Oder gibt es Viren gar nicht?
Und warum ist „sich zurücknehmen“ das selbe wie „den Dingen ihren Lauf lassen“? Ich schreibe schließlich weiter „Und „zurücknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“ Aber das ist ja nur gehorchen…und lassen wir einfach weg, damit wir nigra noch gehorsamer hinstellen können.
Die Bemerkung, dass die „Präpandemische Normalität nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat“, ist so eine Binsenweisheit, dass ich gar nicht weiß, was ich darauf schreiben soll: Genau das ist doch die Grundlage für die Motivation, von der ich schrieb, die du aber nicht hast. Warum sollte ich diese Binsenweisheit explizit nochmal erwähnen? Weil sich das für einen coolen und richtigen anarchistischen Text so gehört?
Dann wird mir unterstellt, ich würde „Ausgangssperren, Quarantänisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologische Bevormundung, die ihn und mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt“ tolerieren. Ganz schön fies, diese Behauptung, zähle ich doch alle Maßnahmen, die ich auch für richtig halte, auf:

– Keine Großveranstaltungen: Wo viele Menschen eng zusammenkommen, kommt es logischerweise zu vielen Berührungen und Austausch von Tröpchen. In unserer Nachbarregion Elsass gab es im Februar eine evangelikale Massenveranstaltung, an der etwa 1000 Gläubische aus Frankreich und Schland teilnahmen. Diese Veranstaltung war eine der Hauptvirenschleudern am Anfang der Pandemie und war dafür verantwortlich, dass sich der Virus auch hier in der Ortenau schnell und unbemerkt verbreiten konnte.
– Sicherheitsabstand von 1,5 – 2 m: der Virus wird durch Tröpcheninfektion übertragen. Diese Tröpchen werden beim Sprechen, Nießen und Husten ausgestoßen und können ein Stück weit „fliegen“. Wir minimieren durch den Abstand, das Risiko andere anzustecken oder selbst angesteckt zu werden.
– Hust- und Nießetikette: Wenn wir in die Ellenbeuge nießen und husten, verteilen wir unsere evtl. mit dem Virus kontanimierten Tröpchen weniger.
– Mund-Nasen-Schutz: Er minimiert die Anzahl die ausgestoßenen Tröpchen, da viele am Gewebe/Vliess haften bleiben. Wir schützen somit die Menschen in unserer Nähe. Tragen andere einen Mund-Nasen-Schutz schützen diese mich. Tragen viele oder alle einen, sind alle geschützt. Natürlich nicht 100%ig. Wir minimieren das Ansteckungsrisiko.

Und dass u.a. diese Maßnahmen auch vom Staat vorgegeben werden, ist eben mein Dilemma. Ich weiß, dass viele andere auch in diesem Dilemma stecken. Und dass der Staat – wie alles andere auch – seine Corona-Maßnahmen mit Gesetzen, Androhung von Repression und im Zweifelsfall mit Gewalt durchsetzt: Geschenkt, das wissen wir alle und erleben es in unseren Alltagen vor, während und auch noch nach Corona.

Ich hielt und halte Ausgangssperren für falsch. Die unsäglichen Aufrufe „Stay home!“ oder noch krasser „Stay the fuck home!“ waren und sind im Angesicht von sexualisierter und häuslicher Gewalt, wohnungslosen Menschen und Menschen auf der Flucht der blanke Hohn. Und auch für alle anderen eine autoritäre Zumutung. Und darum bin auch ich nicht immer zu hause geblieben, obwohl ich schon eher der häusliche Typ bin.

Wie würde eine anarchistische Gesellschaft mit einer Pandemie umgehen? Wie würde sie versuchen, einen hochansteckenden, unter Umständen tödlichen (in meinem weiteren Umfeld sind schon zehn Menschen gestorben, weltweit über 400.000…sind das Kollateralschäden?) Virus aufzuhalten? Gäbe es keine Quarantäne? Warum nicht? Weil sie eventuell mit Zwang einherginge? Oder würden sich in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverständlich in sie begeben? In meiner WG begaben sich vier Menschen, als sie mit Symptomen erkrankten, für teilweise drei Wochen in häusliche Isolation. Nicht weil das Gesundheitsamt es angeordnet hatte (zu diesem Zeitpunkt war das Chaos dort noch so richtig am brodeln…), sondern weil wir es für selbstverständlich hielten uns…zurückzunehmen. Und das taten wir in vollem Bewusstsein unserer Privilegien: Große WG, Hof und Garten. Nur wenige Schritte in den Wald. Uns war und ist bewusst, dass viele Menschen, diesen Luxus nicht hatten und haben und wir haben sie niemals verurteilt, wenn sie anders als wir gehandelt haben. Weil wir Anarchist*innen sind und differenziert denken können.

Ob ich für dich auf Seiten des Staates stehe, ist mir eigentlich egal. Leider muss ich mitten in ihm leben. Ich weiß aber, dass ich nicht auf seiner Seite stehe. Manchmal tue ich das in deinen Augen sicher auch, wenn ich die Privilegien, die ich durch meinen Pass habe, ausnutze. Wenn ich wie selbstverständlich mit meinem kaputten Knie zur Ärztin gehe und dort behandelt werde, ohne mich finanziell ruinieren zu müssen. Wenn ich in diesem Blog gegen den Staat anschreibe. Wir alle sind eingeflochten in ein enges Netz von Herrschaft, Gesetzen, Privilegien, Erniedrigungen und anderen Zuständen. Das Leben ist widersprüchlich und voller komischer und tragischer Begebenheiten, die mich oft zweifeln lassen. An allem und an jeder*jedem. Aber: es geht immer weiter! Hoch der Anarchismus ohne Adjektive!

In der Hoffnung, dass niemensch aufgrund des Wunsches des*der Autorin beim Zündlumpen an seinem vermeintlichen Gehorsam erstickt ist und ohne Feindschaft zu Menschen, die eine andere Analyse der Zustände haben, nigra

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