Zero Covid – Realismus in Zeiten der Pandemie

Die Kampagne Zero Covid wird von vielen Linken und natürlich auch von ganz anderer Seite als autoritär und nicht durchführbar bezeichnet, da sie das tägliche Leben noch härter und tiefgreifender herunterfahren wolle. Darum könne sie auch gar nicht links sein.

Ich frage mich, was autoritärer ist: Das ständige willkürliche Hin und Her von Lockerungen und Einschränkungen; der Zwang, trotz hohem Ansteckungsrisiko weiterhin zur Maloche gehen zu müssen und im Gegenzug in der Freizeit alleine zu versauern; geschlossene Grenzen für Menschen, offene für Warenverkehr…

Die Idee von Zero Covid ist ein zeitlich beschränkter, solidarischer, radikaler Shutdown von Arbeit und Freizeit, um null Ansteckungen zu erreichen. Das ist zwar hart aber das Ende ist absehbar. Und genau das – das Ende der Pandemie – ist beim derzeitigen Affentheater in weite Ferne gerückt. Was ja auch klar ist: Wir gehen alle weiterhin arbeiten, leben weiterhin in beengten Verhältnissen, viele in Sammelunterkünften, quetschen uns weiterhin im öffentlichen Nahverkehr zusammen und stecken uns alle gegenseitig an. Da helfen die krassen Einschränkungen im Privaten wenig.

[Comic aus der Zero Covid-Zeitung; Künstler*in: foxitalic.de]

Hier wird eines ganz deutlich: Die Politik folgt im Großen und Ganzen den Kapitalinteressen. Dass das grundsätzlich keine gute Idee ist, sagen wir linksgrünversifften Anarcho-Kommie-Gutmenschen ja schon lange. Jetzt in der Pandemie sind alle Scheinwerfer auf diese Art des Rumwurschtelns gerichtet.

Also sollten wir jetzt doch mal zur Abwechslung das Richtige tun: Lasst uns nicht den Kapitalinteressen folgen, sondern den Bedürfnissen der Menschen. Und diese sind: Gesundheit, Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf und soziale Bindungen.
„Ahhhhrghhh, aber wer soll das alles zahlen? Dafür ist doch kein Geld da!“ Doch, natürlich ist dafür Geld da und zwar in Hülle und Fülle. Erstens haben sich die reichsten der Reichen an Corona dumm und dämlich verdient: Her mit der Kohle! Sie gehört sowieso uns! Und zweitens können bestimmte Banken Geld einfach so aus dem Nichts erschaffen. Das wurde z. B. während der Finanzkrise 2008 im großen Stil getan, um systemrelevante Banken und Konzerne zu retten. Die Zeiten, in denen das sich in Umlauf befindliche Geld durch Gold gedeckt sein musste, sind schon lange vorbei. Das heißt, dass alle Menschen, die finanzielle Unterstützung während eines solidarischen Shutdowns benötigen, diese auch erhalten könnten. Wenn die Politik das beschließen würde.

[Comic aus der Zero Covid-Zeitung; Künstler*in: foxitalic.de]

[Comic aus der Zero Covid-Zeitung; Künstler*in: foxitalic.de]Vor fünf Tagen ist nun die erste Ausgabe der Zero Covid-Zeitung (hier auch als PDF)erschienen. Sie ist inhaltlich gut aufgestellt: Sie bildet den pandemischen Istzustand und wie es zu ihm kommen konnte ab ohne zu polemisieren oder rumzujammern. Und sie bietet Lösungsvorschläge und fordert uns alle auf, aktiv zu werden.

Also, Leute, hier ist sie, die lang ersehnte linke Intervention gegen die Pandemie und die staatlich-kapitalistischen, halbherzigen Versuche diese zu bekämpfen um gleichzeitig Business as usual betreiben zu können.

Für mich ist Zero Covid die einzige ernst zu nehmende breit aufgestellte linke Kampagne zum Thema Corona (hier spannt sich der Bogen von Anarch@s, Gewerkschafter*innen über Kommies und Kulturschaffenden bis hin zu parteilich und anders organisierten Leuten).
Sie ist eine gut durchdachte (nicht perfekte!) und vor allen Dingen machbare Intervention. Sie ist nicht utopisch, militanzromantisch, revolutionär oder gar anarchistisch – sie ist pragmatisch radikal und das auf solidarischer Basis.

Zero Covid – Solidarität in den Zeiten der Pandemie

Dieser Beitrag wurde unter Antikapitalismus, Arbeitskampf, Aufruf, Corona, Diskussion, Gedanken, Solidarität veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Zero Covid – Realismus in Zeiten der Pandemie

  1. nigra sagt:

    Hey,

    sorry für die späte Reaktion meinerseits…dein Kommentar ging einfach in der Flut von Spam-Kommentaren unter und ich hab ihn erst jetzt gelesen. Danke für deine Worte und Gedanken. Aber das „von Seiten der Gai Dao“ sehe ich nicht so. Der Text ist ja nicht von der Gai Dao-Redaktion, sondern von Gerald Grünklee und seine persönliche Sicht der Dinge. Deine restlichen Gedanken kann ich nur unterstreichen und finde sie schön formuliert.

    Mit solidarischen Grüßen, nigra

  2. Anarchonym sagt:

    Danke nigra für die richtigen und wichtigen Worte. Gerade von Seiten der Gai Dao hört mensch im Bezug auf Zero-Covid auch ganz andere Töne… Ist es nicht das erklärte Ziel des Anarchismus für eine freie Gesellschaft für alle (!) Menschen aufgrund ihrer Gleichheit – also sowohl im politischen wie auch sozialen – einzustehen? Die Freiheit des Individuums sollte nur eine Grenze haben: Die Grenze zur Repression! Denn die uneingeschränkte „Freiheit“, die im Zweifel die eines anderen Indivduums beschränkt ist doch keine Freiheit sondern schlicht Repression, nicht wahr? 😉 Oder um es mit Bakunin zu sagen: „Wir sind überzeugt, dass Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität bedeutet.“ Tritt heute, gerade im Bezug auf Covid-19, die „sozialistische“ (meiner Ansicht nach lieber kommunistische), die linke, gerechte Grundlage des Anarchismus nicht immer mehr in den Hintergrund, wenn selbsternannte Anarchisten Covid-19 mit einer Grippe und Todeszahlen als nahezu einzig relevanten Faktor sehen (Siehe Gai Dao 3/21, Polemische Auseinandersetzung mit ZeroCovid)
    Als politisch engagierter Mensch, der sich selbst auf Anarcho-Kommunistische Ideen a la Kropotkin und Mühsam – mal mehr, mal wegen der merkwürdigen Ansichten Einzelner weniger – beruft, bin ich es zunehmend leid, selbst aus der sonst so aufklärerischen anarchistischen Bewegung solche Stimmen zu hören…
    ZeroCovid ist also möglicherweise anarchistischer als mensch auf den ersten Blick denkt. Vor allem aber eine sinnvolle und meiner und deiner Meinung nach auch solidarische Form dem Coronavirus etwas entgegenzusetzen.
    Natürlich lässt auch ZeroCovid offene Flanken in Richtungen, die gerade Anarchist:innen auf den ersten Blick sauer aufstoßen. Aber ist der ZeroCovid Vorschlag wirklich so starr und autoritär-staatlich wie teils von „anarchistischer“ Seite behauptet?
    Ist ZeroCovid nicht vielmehr die offene Vorlage für internationale, solidarische Pandemiebekämpfung, die Organisation von unten offen lässt wie keine andere und dabei nicht „nur“ die Leben vieler Menschen, sondern nachhaltig auch ihre Gesundheit im allgemeinen sichern möchte?

Kommentare sind geschlossen.