Die Corona-Pandemie und wir alle

Über Aufstandsfantasien, Militanzromantik, Autoritätshörigkeit und die ganz normale Solidarität unter Menschen

Die Corona-Pandemie hat uns erwischt und zwar volle Breitseite. Die rasend schnelle globale Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 und die durch ihn ausgelöste Lungenerkrankung Covid-19 hat alle überrascht. Zwar gab es Planspiele und theoretische Szenarien über ähnliche fiktive Viren, doch die Realität ist halt doch anders. Sie ist real. Sie hält uns einen Spiegel vor’s Gesicht, der uns zeigt, was wir alles verbockt haben. In diesem Punkt sind sich die Pandemie und die Klimakatastrophe ähnlich: Sie legen offen, was in der globalisierten Welt und ihrem Wirtschaftssystem schief läuft.
Wir sehen nun in Echtzeit in so ziemlich allen betroffenen Ländern, dass privatisierte oder kaputtgesparte Gesundheitssysteme Ausnahmesituationen nicht gewachsen sind und versagen. In Deutschland sieht es noch nicht ganz so schlimm aus. Das kann sich aber in den nächsten Wochen und Monaten drastisch ändern. Wir sehen, wie in einer hypermobilen, kapitalistischen Welt ein neuer Virus innerhalb weniger Wochen rasend schnell alle Länder und Kontinente erreicht und sich aufgrund seiner hohen Ansteckungsrate und langen Inkubationszeit der Großteil aller Menschen anstecken wird. Wir sehen, dass zerstörte Ökosysteme für die Menschheit auch in diesem Fall richtig scheiße sind.

Die Situation ist so haarig, dass Politiker*innen aller Parteien sich darin überbieten, welche Grundrechte als nächstes ausgesetzt werden sollen, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit zu verlangsamen und so die Gesundheitsversorgung aufrecht zu erhalten. Viele tun das, weil sie es angesichts der Pandemie für geboten halten. Andere tun das sicher auch deswegen, weil sie die Gelegenheit beim Schopf packen und endlich mal so richtig durchgreifen wollen. Und die übergroße Mehrheit der Menschen scheint mitzuziehen: Es ist eine Ausnahmesituation. Ist das die Sehnsucht nach dem „starken Mann“ oder Ausdruck der oft beschworenen mündigen Bürger*innen, die die Notwendigkeit von Einschränkungen einsehen, weil sie uns allen zu Gute kommen? Wahrscheinlich beides. Betretungsverbote, Ausgangssperren, Auswertung unserer Bewegungsdaten, Schließung der Grenzen. All das nehmen wir gerade hin. Ich nehme es hin, weil ich mich eher ohnmächtig fühle und nicht sehe, dass die linke und anarchistische Bewegung etwas dagegensetzen könnte. Das können wir schon in „normalen“ Zeiten nicht wirklich. Aber was können wir tun? Und was tun wir?

Linke und anarchistische Texte zum Thema Corona sind in den letzten Wochen zuhauf geschrieben worden. Und viele davon finde ich grauenhaft, naiv und wichtigtuerisch (Viele andere finde ich aber richtig gut. Den hier auch.). Da wird von Aufständen fantasiert, zu Plünderungen aufgerufen und militante Aktionen gefordert. In einem teilweise verklärenden Stil und mit viel Poesie. Helfen tut uns das nicht. Ich bin mal gespannt darauf, ob es wirklich zu nennenswerten Aktionen kommen wird oder ob das wieder nur wildeste Militanzromantik ist, die um sich selber kreist und schon lange vergessen hat, warum wir das ganze eigentlich tun, was wir tun. Corona-Partys auf linksradikal?

Bisher sehe ich, dass die meisten Menschen eher besonnen und solidarisch mit der Situation umgehen. Klar kaufen viele Menschen viel zu viel Kram ein, aber das kann viele Gründe haben, z.B. Gemeinschaftseinkauf für die Nachbar*innen oder sie wollen oder können gerade nicht vor die Haustür gehen und kaufen deshalb viel auf’s Mal. Und es kann auch einfach Angst und Panik sein. Es gibt schon viele Initiativen, um alleinstehenden oder erkrankten Menschen zu helfen, sowohl von Behörden, Organisationen als auch von ganz normalen Menschen. Bei uns hier im Dorf besorgen z.B. die Pfadfinder*innen Einkäufe für Betroffene. Überall wird dazu aufgerufen, solidarisch zu sein und sich um die Nachbarschaft zu kümmern und ein Auge auf andere zu haben. Und es gibt sie auch von explizit linken und anarchistischen Organisationen und Gruppen. Das sind für mich sinnvolle und wirklich gebrauchte Ansätze. Sie helfen echten Menschen in echt und haben ganz nebenbei noch den Effekt, dass wir aus unseren linken Wohlfühlblasen rauskommen und in Kontakt zu den Menschen treten, die wir immer erreichen wollen (naja, davon sind einige vielleicht schon abgekommen, ich nicht…). Wenn wir die viel zitierte Solidarität jetzt leben und unsere Grundsätze umsetzen, erreichen wir viel mehr, als wenn wir Bullen angreifen und Supermärkte plündern. Unsere Kräfte sind echt gering und ich finde, wir sollten sie in diesen Zeiten für gegenseitige Hilfe nutzen und nicht für Aktionen, die schon in ruhigen Zeiten meistens nach hinten losgehen. Wie das wohl jetzt bei den Leuten ankommt, wenn ein Anarcho-Mob einen Aldi plündert und vollgepackt mit Klopapier und Dosenbier in der Nacht verschwindet? Und wie es wohl bei den Leuten ankommt, wenn das autonome, soziale, linke, anarchistische Zentrum sich in die Nachbarschaft einbringt und der Oma von nebenan den Einkauf erledigt, mit dem chronisch erkrankten Frührentner zur Ärztin geht, die Malocherin zu Arbeitsrecht berät?

Nur weil der Staat und seine Institutionen social distancing fordern und verordnen, muss es in dieser Situation nicht falsch sein. Ich kann aus eigener Einsicht, als rationaler Mensch selbst entscheiden, dass es z.Z. für alle besser ist, wenn wir Abstand halten. Wie schreibt die Allianz der Gruppen aus der „ersten Reihe“ aus Chile?

Weil wir die Fahne der Verteidigung der Menschen vor uns her tragen und uns der Grausamkeit des Coronavirus bewusst sind, rufen wir dazu auf, dass wir aufeinander aufpassen und Sorge für uns selbst und füreinander tragen. Wir wollen die Ausbreitung des COVID19 weder vorantreiben noch fördern, deswegen werden wir uns als Allianz der vielen Gruppen aus der „ersten Reihe“ von den Straßen zurückziehen, zumindest für diese Woche. Leider ist es im Moment von größter Bedeutung, Massenveranstaltungen zu vermeiden.
Wir müssen gesund bleiben, um weiter zu kämpfen!
Wir haben alle ältere Familienmitglieder und Kinder und sollten überdies nicht vergessen, dass diese sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen zur Risikogruppe gehören. Stellt euch vor, wir treffen auf der Straße auf eine/n Überträger/in des Virus und sind dann verantwortlich für die Ansteckung unserer Lieben, wenn wir nach Hause kommen!

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wir alle finden die Situation zum Kotzen und viele sehen zum Glück doch die Notwendigkeit, sich von anderen, auch geliebten Menschen fern zu halten. Doch wie lange halten wir das durch? Ab wann macht es keinen Sinn mehr?

Es kommt eine Zeit nach Corona. Jetzt haben wir die Muse, zu lernen: Zu lernen, wie es dazu kommen konnte. Was sind die Ursachen für eine solche Pandemie? Warum sind unsere Gesundheitssysteme damit überfordert? Warum fließt auch jetzt in großem Stil das Geld fast nur von unten nach oben? Wie lange nehmen wir Ausgangssperren hin? Und wie wehren wir uns dann gegen sie und andere eventuell kommende Einschränkungen, die drohen, sich zu verstetigen?
Und wir müssen nicht alleine lernen. Es gibt im Zeitalter des Internets viele Werkzeuge, die es uns dennoch erlauben, miteinander zu diskutieren, gemeinsam zu erforschen, was falsch läuft und was wir besser machen müssen. Nutzt die Zeit, nutzt die Möglichkeiten.

Corona überdeckt zur Zeit alles. Wir sollten nicht vergessen, dass andere Probleme weiterhin akut sind: Die Klimakatastrophe, die verkackte AfD und ihre verkackten Schwesterparteien in anderen Ländern, Überwachung, verschärfte Polizeigesetze, Flucht (Geflüchtete sind jetzt besonders schlimm dran.), Festung Europa, Abschiebungen, Knast, Tierausbeutung und vieles mehr. Und irgendwie hängt das alles – auch Corona – zusammen, verwoben in einem Netz aus Herrschaft, Staat und Kapitalismus. Das könnten jetzt viele Menschen lernen.

Bleibt gesund.
Seid solidarisch.

[aus der häuslichen Isolation, nigra]

Entnommen hier: hier.

 

 

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R12 bis auf Weiteres geschlossen

[Nachdem alarm Offenburg seinen veganen Brunch für den April schon abgesagt hatte, hat nun auch das R12 bis auf weiteres geschlossen. Lest hier das Statement dazu.]

R12 bis auf Weiteres geschlossen

Liebe Freund*innen, liebe Genoss*innen,

das Linke Zentrum R12 bleibt aufgrund der Corona-Pandemie bis auf
Weiteres geschlossen.

Wir wollen euch aber nicht zur kompletten Selbstisolation aufrufen,
sondern dazu, trotz allem, solidarisch mit euren Freund*innen, Familien
und Nachbar*innen zu sein: Wer braucht Hilfe und Unterstützung? Wer lebt
alleine und meldet sich nicht mehr? Fragt nach, seid aktiv in der
Kontaktaufnahme und organisiert Einkäufe und ähnliches.

Seid kritisch, was angedachte politische Maßnahmen wie z.B.
Massenüberwachung und Kontrollen angeht. Seid aufmerksam, wenn es um
Militäreinsätze und Umverteilung von unten nach oben geht.

Bleibt gesund, seid eigenverantwortlich, denkt an andere, lasst es euch
gut gehen und wir sehen uns bald wieder.

Mit solidarischen Grüßen, eure Freund*innen vom R12

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Gegen den AfD Aufmarsch am 14.03 in Freiburg!

Update: Die Nazis von der AfD haben die Lügenpresse-Demo abgesagt.

[Gefunden auf der Seite der Anarchistischen Gruppe Freiburg. Alle da hin!]

Gegen den AfD Aufmarsch am 14.03. in Freiburg!

Die AfD möchte am 14. März eine Demonstration vom SWR Studio in der Kartäuserstraße zum Bertoldsbrunnen durchführen. Sie beklagen eine angebliche “Pressehetze” nach dem rechtsterroristischen Morden von Hanau. Überlassen wir den neuen Faschisten nicht die Straße um die Opfer des rechten Terrors zu verhöhnen! Treffpunkt für die Gegenproteste: 11:30 Uhr vor dem SWR Studio in Freiburg (Kartäuserstr. 45)

Gemeinsam gegen den Faschismus!

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Über 200 Menschen demonstrieren in Offenburg für die Verkehrwende in der Ortenau und für wirkungsvolle Maßnahmen gegen die Klimakrise

Mit der gestrigen Demonstration startete offiziell die Kampagne „Die Verkehrswende gemeinsam erkämpfen“ des Ortenauer Klimabündnisses. Über 200 Menschen folgten dem Aufruf, zogen durch die Innenstadt und besetzten im Anschluss mindestens zwei Parkplätze.

Der menschengemachte Klimawandel schreitet munter voran, ungachtet dessen, dass er nach wie vor von vielen Menschen, Parteien und Organistionen geleugnet wird. Die durch den ungebremsten, global wütenden Kapitalismus gepushten Ursachen Energiegewinnung, Verbrennungsmotoren, Mobilität, industrielle Landwirtschaft und Herstellung von tierlichen Produkten schenken sich nicht viel und wir müssen an vielen Fronten kämpfen, um die krassesten Auswirkungen der Katastrophe abzumildern. Das Ortenauer Klimabündnis konzentriert sich im Moment auf die Verkehrswende. In seinem Selbstverständnis schreibt das Bündnis:

Die Klimakrise wirkt sich auf alle Lebensbereiche global aus. Darum müssen wir auch überall mitanpacken und gegen die bestehenden zerstörerischen Verhältnisse und für eine ökologische, bedarfsorientierte und solidarische Weltgemeinschaft kämpfen.
Weltweit kämpfen Menschen gegen die industrialisierte Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und Massentierhaltungen, gegen Kohleabbau, Erdöl- und Gasgewinnung, Flächenversiegelung und vieles mehr.
Wir sehen uns als Teil dieser wachsenden Bewegung.

Unser derzeitiger Fokus liegt in der Verkehrswende. Die Abkehr von der erdölbasierten, individualisierten Mobilität hin zu einer klimaneutralen, kollektiven ist eine der zentralen Forderungen der weltweiten Klimabewegung und ihr fühlen wir uns hier, in der Ortenau, verbunden, auch weil wir hier gute Voraussetzungen sehen, dieses Ziel zu erreichen.
Damit wir alle uns klimafreundlich bewegen können, müssen wir gemeinsam dafür eine Infrastruktur erkämpfen, die das ermöglicht: Wir brauchen sichere Fahrradwege, mindestens autofreie Innenstädte und einen besseren, attraktiveren und kostengünstigen ÖPNV.

Mit der Kampagne „Die Verkehrswende gemeinsam erkämpfen“ will das Bündnis genau das erreichen. Neben vielen kleineren Aktionen im Vorfeld (Infostände, Info-Fahrten im lokalen ÖPNV, Petition, Anschreiben der Kreisrät*innen, Parkplatzbesetzungen) sollte zum Jahresanfang mit der zentralen Demo in Offenburg ein lauter Aufruf an die Ortenauer Bevölkerung geschickt werden.

Rechtzeitig zum Start der Demo am ZOB kam die Sonne raus und der bunte Zug setzte sich nach der Auftaktkundgebung mit Live-Musik und einer Rede von alarm Offenburg in Richtung Innenstadt in Bewegung. Vorneweg gingen Aktivist*innen mit Gehzeugen. Ein Gehzeug ist ein Holzrahmen, der von einer Person mit Hilfe von Gurten getragen wird. Sie nimmt so ungefähr den Raum eines PKWs ein und zeigt, wie viel Platz so eine Blechkiste, die oft nur von einem Menschen gefahren wird, braucht. Mit vielen Transparenten, Schildern, verschiedenen Fahrrad-Arten, Flyern, Parolen und Lautsprecherdurchsagen wurde die Forderung nach einer klimaneutralen Mobilität und der dazugehörenden Infrastruktur deutlich gemacht. In zwei Redebeiträgen machten die BI Rückenwind und die Linke Liste Ortenau/Linksjugend deutlich, was genau die unmöglichen Zustände, die Kritik, die Forderungen und mögliche Lösungsansätze sind.

Die Demo ging weiter und endete nach einer langen Runde durch oft menschenleere Straßen (das muss nächstes Mal besser werden…) auf dem Parkplatz am Technischen Gymnasium, wo nach einem Redebeitrag des BUND die freien Parkplätze mit Liegestühlen und Decken von Aktivist*innen besetzt wurden. Ein weitere Gruppe machte sich auf zum Parkplatz am selbstverwalteten städtischen Jugendzentrum Kessel und besetzte dort, begleitet von schlechter 80er-Jahre-Mucke, Pizza, veganen Muffins, Kaffee und Bier, die Einfahrt, so dass zwar Autos den Parkplatz verlassen aber nicht befahren konnten.

Die Demo war ein gelungener Auftakt der Kampagne. Viele weitere Aktionen sollen folgen. Die nächste größere wird am 28. März ein großese Straßenfest vor dem Bahnhof sein.
Infos zum Bündnis und zu weiteren Terminen findet ihr auf dem Blog klimabuendnis.noblogs.org.

Gemeinsam die Verkehrswende erkämpfen!
Die Klimakatastrophe stoppen!
Kapitalismus überwinden!

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Herrenknecht Mitglied bei Antifa e.V.! AfD heult sich die Augen aus! Linksterroristen freuen sich! Skandal!!!

Martin Herrenknecht bohrt nicht nur Tunnel in Baden-Württemberg und durch den Rest der ganzen Welt, droht nicht nur immer wieder mal mit seiner endgültigen Steuerflucht weg aus Schland in die Schlaraffen-Schweiz und ist seit über 40 Jahren stolzes Mitglied in der CDU, nein, er ist auch Teilhaber eines Hotels in Schwanau. Und was viele nicht wissen: Er ist langjähriges Mitglied von Antifa e.V.

Am 25. und 26. April 2020 soll im badischen Offenburg der Bundesparteitag der faschistischen AfD stattfinden. Es wollen 600 Rassist*innen und drei Marktradikale (die aber auch Rassist*innen sind) in die kleine, beschauliche Stadt am Fuß des Schwarzwalds einfallen und alles nichtdeutsche kurz- und kleinschlagen. Der bis in die 12. Generation nachweislich deutsche AfD-Lokal-Politiker Taras „Gollum“ Maygutiak sagte in einem Interview mit der New York Times: „603 Kameraden und ich werden diese ganzen nichtarischen Schmeißfliegen, die sich seit Jahrzehnten mit meinen Steuerzahlungen den Wanst fett fressen, aus der Stadt jagen! Wir horten seit vier Monaten Heu- und Mistgabeln. Das wird ein Fest! Ein Fest für reine Deutsche!“

Diese 603 Rassist*innen brauchen natürlich Übernachtungsmöglichkeiten. Sie können nicht rund um die Uhr wüten und brandschatzen. Sie müssen auch mal verschnaufen, schlafen und Bier trinken. Als bekannt wurde, dass die AfD auch Zimmer in Herrenknechts Hotel „Schwanau“ gebucht hatte, reagierte dieser sofort und stornierte alle AfD-Buchungen. Und er ist wohl nicht der einzige, aufrechte Antifaschist in der Ortenau: Die AfD hat massive Probleme, Zimmer in Hotels o.ä. zu finden. Stephan Räpple, Mitglied des Landtags Baden-Württemberg und AfD-Hypnotiseur aus Oberkirch, will nun ein Action-Camp in Offenburg einrichten. „Was die linksgrünversifften Anarcho-Terroristen können, können wir von der AfD schon lange. Wir zelten in großem Stil auf dem Platz der Verfassungsfreunde. Wir haben schon fünf blaue Iglu-Zelte!“

Im Gespräch mit dem Großen Vorsitzenden von Antifa e.V. und Herrenknecht donnerte letzterer: „Wir werden uns gegen die ankommenden Afd-Horden bis zur letzten Patrone wehren!“ Die Finanzierung der Proteste (Demo-Geld, Druckkosten von krassen Aufklebern, Tapetenkleister für Plakatieraktionen, Hotelübernachtungen, Benzin und Diesel, Gasmasken etc.) werde er gerne und aus der Portokasse finanzieren, sicherte Herrenknecht ohne mit der Wimper zu zucken, zu.

Antifa e.V.-Mitgliedsausweis von Martin Herrenknecht

Die AfD heult sich inzwischen in den unsozialen Netzwerken und anderswo die Augen aus und sieht sich einmal mehr in ihrer Wohlfühlopferrolle. Sie fühle sich ausgegrenzt und das schmerze sie als lupenreine Demokratin doch sehr, so Alice Weidel in einem Gespräch mit der Apothekenrundschau.

Linksradikale aller Couleur hingegen freuen sich über die Tränen bei der AfD und auf das letzte Wochenende im April in „Geschlossenburg“. Der Große Vorsitzende ist sich sicher, dass „wir einen großartigen Sieg davontragen werden. Mit Herrenknechts Unterstützung und seinen Monsterbohrmaschinen überwinden wir jede Mauer.“

Da ist also was los im verschlafenen Offenburg. Die Bühne ist aufgebaut und wir harren der Dinge, die da noch kommen werden..

Ganz nach dem guten alten Konzern-Motto der Herrenknecht AG schließt dieser Bericht mit der Parole „Kein Herr – kein Knecht!“

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Soli-Brunch für die Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag im April in Offenburg

[alarm Offenburg lädt morgen zu einem veganen Soli-Brunch für die Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag im April in Offenburg ins R12 ein.]

Veganer Solibrunch im R12 am Sonntag, den 01.03.2020

Am 25. & 26. April 2020 findet der Bundesparteitag der AfD in Offenburg statt. Ein breites Bündnis plant die Proteste gegen das Treffen der AfD.
Wir von alarm e.V. unterstützen den Aufruf der Kampagne AfD-Stoppen.

Die Mobilisierung gegen den Parteitag kostet Geld und wir wollen mit einem Solibrunch die Kampagne etwas unterstützen. Also kommt vorbei, bringt leckere vegane Speisen mit und spendet, was euch möglich ist. Ab 10.30 Uhr freuen wir uns über Hilfe beim Aufbauen und ab 11 Uhr könnt ihr vegane Köstlichkeiten genießen und gemeinsam Pläne schmieden, wie ihr der AfD Ende April auf die Nerven gehen wollt.

Antifaschistisch und solidarisch

Eure Alarmies

 

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Der Protest gegen den Bundesparteitag der faschistischen AfD in Offenburg läuft an…

Faschismus hat viele Gesicher und die Fratze der AfD ist sicher eines davon. Am 25. und 26.04.2020 will die AfD ihren Bundesparteitag in Offenburg abhalten.

Die Protestvorbereitungen sind angelaufen und die Seite der Kampagne AfD stoppen ist online.

Wer den Aufruf unterstützen will, schreibt an afd-stoppen [ätt] riseup.net. Den öffentlichen Schlüssel findet ihr auf der Seite unter Kontakt.

Lest hier den Aufruf:

Rassismus, Sozialabbau, Neoliberalismus: Widerstand ist alternativlos!

Gemeinsam gegen den AfD-Bundesparteitag in Offenburg!

Am letzten Aprilwochenende 2020 will die AfD im badischen Offenburg ihren Bundesparteitag abhalten. Knapp 600 Delegierte sollen am 25. und 26. April in der Baden-Arena auf dem Offenburger Messegelände die sozialpolitischen Weichen der rassistischen Partei stellen. Im Fokus der Diskussionen steht das Rentenkonzept der Rechtspopulisten.

Die AfD ist nicht sozial.

Der Streit um die richtige Sozialpolitik schwelt in der AfD praktisch seit Gründung der Partei. Nach Jahren des Zwistes soll nun in Offenburg eine vorläufige Richtungsentscheidung getroffen werden. Für alle Betroffenen ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Während der Parteivorsitzende Meuthen die völlige Privatisierung der Altersvorsorge vorschlägt, setzt der faschistische Flügel um Höcke auf eine völkische Lösung: Renten ja, aber eben nur für gesunde, voll erwerbstätige „Bio-Deutsche“. Alle andere müssen mit Abschlägen rechnen oder gehen leer aus. Finanziert werden soll die Idee mit mehr Geburten. Für die Versorgung und Erziehung der Kinder ist nach Vorstellung der AfD ohnehin nur die Frau zuständig, Emanzipation und Gleichberechtigung sind für die Rechten Fremdwörter.

Die Auseinandersetzung um die Renten zeigt deutlich: Das Problem an der AfD ist nicht allein ihr Rassismus. Es fängt dort erst an. Schon 2016, als die AfD ihren Programmparteitag in Stuttgart abhielt, wurde ersichtlich: Rechte Politik bedeutet keine wirklichen sozialen Verbesserungen für alle Erwerbsabhängigen, sondern das genaue Gegenteil.
Zur rassistischen Hetze von Gauland und Co. gesellt sich der radikale Abbau bzw. die Privatisierung aller sozialen Sicherungssysteme. Hinzu kommt die Stigmatisierung und strukturelle Benachteiligung von Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, um leben zu können: Etwa Menschen mit Behinderung oder einer psychischen Erkrankung.

Die AfD ist nur die Spitze des Eisbergs.

Der Rassismus der AfD spaltet die Gesellschaft, ihre „Sozialpolitik“ macht die Menschen zum Spielball neoliberaler Interessen. Setzen die Rechten ihre Forderungen durch, bedeutet das Armut und Elend für Millionen weitere in diesem Land. Schließlich reichen Job und Rente schon jetzt den wenigsten für ein (halbwegs) gutes Leben.
So notwendig deswegen die Kritik an den rechten Plänen ist, so wenig darf vergessen werden, dass Neoliberalismus und Sozialabbau eben keine Erfindungen von Rechtsaußen sind. Das Recht des Stärkeren, die Ellenbogenmentalität und die stete Konkurrenz sind in den Grundfesten unserer Gesellschaftsordnung verankert.
Und: Es ist die AfD, die zum Generalangriff auf die verbliebenen sozialen Sicherungssysteme bläst, realpolitische Tatsachen schaffen aktuell (noch) andere. Die Agenda 2010 wurde zu einer Zeit beschlossen, da war die AfD noch nicht mal in Gründung.

Solidarität statt Spaltung, Widerstand statt Akzeptanz.

Wir werden es nicht zulassen, dass die AfD versucht sich Ende April mit populistischen Phrasen in Offenburg als „Partei des kleinen Mannes“ zu inszenieren. Auch medienwirksame Lippenbekenntnisse mit sozialer Demagogie dürfen nicht darüber hinweg täuschen: Die AfD ist und bleibt die Partei des rechten Mobs, der (geistigen) Brandstifter, des sozialen Abbaus und der Klimawandelleugnung. Sie vertritt die Interessen der Konzerne, nicht die der Menschen.
Wenn die AfD nach Offenburg kommt, nehmen wir uns mit vielen anderen die Straße und stellen uns den Rechtspopulisten entschieden entgegen. Einen Parteitag, auf dem ungestört rassistische Hetzreden gehalten werden, darf und wird es mit uns nicht geben.

Wir haben aus der Geschichte dieses Landes gelernt und wissen: Mehr und bunt zu sein ist wichtig. Das allein reicht aber bei weitem nicht aus. Antifaschistischer Widerstand auf unterschiedlichen Ebenen ist notwendig.

Deswegen rufen wir alle dazu auf, gemeinsam mit uns vielfältig und solidarisch gegen den Bundesparteitag der AfD zu demonstrieren. Kommt nach Offenburg! Nur zusammen können wir den Rechtstrend aufhalten und für eine solidarische Gesellschaft für alle streiten.

Unsere Antwort auf Rassismus und Sozialabbau ist Solidarität und Widerstand!

Kommt am 25. April 2020 nach Offenburg! | 8 Uhr | Hauptbahnhof

Gemeinsam stoppen wir die Rechten!

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Gemeinsam die Verkehrswende erkämpfen! Demo am 7. März in Offenburg!

Das Ortenauer Klimabündnis startet durch. Mit der Auftaktdemo am 07.03.2020 in Offenburg beginnt die Kampagne Gemeinsam die Verkehrswende erkämpfen!

Lest hier den Aufruf des Bündnisses:

 

Gemeinsam die Verkehrswende erkämpfen! Demo am 7. März in Offenburg!

Im Kampf gegen die globale Klimakrise ist die Abkehr vom Verbrennungsmotor alternativlos. Die Kohlendioxid-Emissionen des Verkehrssektors haben neben der der Stromerzeugung mit Kohle und der industriellen Landwirtschaft mit ihren chemischen Düngern, ihrer Produktion von tierischen Produkten und ihrer Massentierhaltung einen großen Anteil am menschengemachten Klimawandel und dieser kommt mit immer schnelleren Schritten auf uns zu.

Damit wir alle unsere Benziner und Diesel verschrotten lassen können, brauchen wir aber eine Verkehrsinfrastruktur, die uns das ermöglicht. Für diese neue Infrastruktur – für die Verkehrswende – setzen wir uns als Ortenauer Klimabündnis schwerpunktmäßig hier vor Ort ein.
Wir fordern ein 30€ Monatsticket für die Ortenau sowie den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Jedes Dorf und jede Stadt müssen mindestens im Stundentakt erreichbar sein. Zu den Schichtzeiten sogar im Halbstundentakt. Für Zalando, Rulantika, den Nationalpark und das europäische Forum am Rhein wurden sofort und unbürokratisch neue Busverbindungen eingerichtet. Das muss für den alltäglichen Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Einkauf, zum Vergnügen auch möglich sein, denn gerade hier können die meisten CO2-Emmisionnen eingespart werden.

Wir fordern eine Infrastruktur für sicheren Radverkehr, dazu gehören Radschnellverbindungen, mit Pollern geschützte Radfahrstreifen und Tempo 30 auf Straßen mit Mischverkehr. Der umweltschonende Verbund aus Fuß-, Rad-, und Kollektivverkehr muss konsequent gefördert werden. In das Zentrum der Verkehrswende müssen wir das Fahrrad rücken. Zwei Drittel der Bevölkerung würden es gerne nutzen aber sie fühlen sich unsicher auf den Straßen.

Die Demonstration startet um 14 Uhr am Offenburger Busbahnhof. Gemeinsam werden wir durch die Innenstadt ziehen und die aktionistischeren Menschen unter euch können mit uns die Parkplätze beim Kessel, Landratsamt, der evangelischen Stadtkirche und den Gerichtsparkplatz besetzen. Für alle anderen zieht der Demozug weiter über die Grabenallee, durch die Freiburger Straße und dann zur evangelischen Stadtkirche.
Bringt für die Parkplatzbesetzungen alles mögliche mit. Essen, Trinken, Picknickdecken, Klapp- und Campingstühle etc. Seid kreativ und lasst uns zusammen den öffentlichen Raum wieder zurückerobern. Drängen wir den Individualverkehr Stück für Stück zurück. Denn wenn wir auf die Politiker*innen warten, dann werden wir die Klimaziele niemals erreichen.

Es wird Zeit, die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen!
Die Stadt gehört uns!
Viele Baustellen – ein Ziel: Die Klimakatastrophe aufhalten!

Demonstration am Samstag, 07.03.2020, um 14 Uhr am ZOB Offenburg

Ortenauer Klimabündnis

Blog: klimabuendnis.noblogs.org
E-Mail: klimabuendnis@dismail.de

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System Change, not Climate Change? Die befreite Gesellschaft und die kommende Klimakatastrophe.

[Dieser Text von mir erscheint auch in der aktuellen Ausgabe der Gaidao.]

Es sieht düster aus. Egal wo wir hinschauen. An allen Ecken und Enden dieser Erde türmen sich die scheinbar unlösbaren Probleme auf. Berge, ja Gebirge von Problemen, von denen jedes einzelne schon reichen würde, uns die Hoffnung zu rauben: Kriege, Überwachung, Polizeigesetze, Armut, Rechtsruck, Rassismus, Homophobie, Antisemitismus. Bitte packt eure dazu, Auswahl gibt es genug.

Und über all dem thront die menschengemachte Klimakatastrophe. Sie ist so apokalyptisch, so dermaßen allumfassend, dass mir alle anderen Widrigkeiten wie ein Jucken an meiner linken Arschbacke vorkommen. Eine befreite, anarchistische Gesellschaft aufbauen? Wir haben grad echt Wichtigeres zu tun…oder?

Links der Gaisbergferner, rechts der Rotmoosferner im Ötztal. Mensch kann ihnen beim Schmelzen zusehen. Foto: nigra

Die kommende Klimakatastrophe hat so viele Aspekte und Facetten und alle Lebensbereiche der Menschen, Tiere und Pflanzen werden massiv betroffen sein. Es fällt schwer, den Überblick zu behalten und das Wesentliche ins Auge zu fassen. Die rasend schnelle Veränderung des Weltklimas zeigt einmal mehr deutlich, wie alles mit allem zusammenhängt und voneinander abhängig ist. Welche Kämpfe sind in dieser Zeit die richtigen? Welche Bewegung sollten wir unterstützen? Welche Forderungen sind auch die unseren? Wie bringen wir uns als Anarchist*innen in die Kämpfe ein, ohne daran kaputt zu gehen? Macht es dabei Sinn, auf unseren anarchistischen Grundsätzen zu bestehen?

Ich versuche mit diesem Text meine eigenen wirren Gedanken zu dem Ungetüm Klimakastrophe und den damit für mich zusammenhängenden Ursachen und Folgen zu ordnen. Ich halte es für geboten, dass wir als Anarchist*innen uns mit der kommenden Klimakatastrophe intensiv beschäftigen, uns in die Kämpfe gegen sie einbringen und unseren reichen Fundus an Methoden anbieten.


Die Zeit rennt uns davon

In meiner Jugend in den späten 1980er und 1990er Jahren war ich u. A. in der Umweltbewegung aktiv. Wir kämpften gegen Atomkraft, Sondermüllverbrennung, den immer mehr aufkommenden Verpackungswahn und die damit einhergehenden wachsenden Müllberge, Tierversuche, die Pelzindustrie, die Regenwaldabholzung und den damit zusammenhängenden Treibhauseffekt. Den Begriff Klimawandel oder gar Klimakatastrophe kannten oder benutzten wir nicht, gemeint war aber das Gleiche. Ich erinnere mich daran, dass wir die Auswirkungen des Treibhauseffektes theoretisch diskutierten aber davon überzeugt waren, dass die krassen Folgen erst unsere späten Nachfahren erleben würden – oder eben nicht, weil wir genauso davon überzeugt waren, dass wir eine befreite Gesellschaft aufbauen würden, in der Umweltzerstörung keinen Platz haben würde.

Tja, damit lagen wir krass daneben. Weder haben wir in den letzten 30 Jahren eine anarchistische Gesellschaft aufgebaut (Ich war mir sicher, dass ich das erleben würde. Naja, ein bisschen Zeit bleibt mir ja noch…), noch bleiben wir selbst von der Klimakatastrophe verschont. Vielleicht treffen uns, die wir heute mittelalte Menschen in Mitteleuropa sind, nicht die richtig fiesen Katastrophen, aber wir erleben schon jetzt erste Folgen der Erderwärmung weltweit: Gletscherschmelze in allen Hochgebirgen, Eisschmelze an den Polen, Wetterextreme in unterschiedlichen Ausformungen wie Starkregen, Trockenheit, Versteppung, Dürre, Waldbrände, Orkane, Missernten, Artensterben, Ansteigen des Meeresspiegels und erste Fluchtbewegungen aufgrund all des vorher genannten.

Scheinbar leben wir in diesen Jahren genau in der Zeit, in der es der Menschheit noch möglich ist, die allerschlimmsten Auswirkungen aufzuhalten oder zumindest abzuschwächen. Welch Ehre oder besser welche Bürde: Wir dürfen die Welt retten! Aber: Reicht uns die Zeit dazu? Seit 1824 ist der Treibhauseffekt bekannt¹, seit Jahrzehnten gibt es internationale, staatliche Konferenzen, die sich zum Ziel setzen, den Klimawandel aufzuhalten und mindestens genauso lange gibt es weltweite außerparlamentarische, soziale Bewegungen und Kämpfe, die Forderungen aufstellen und Alternativen vorstellen und vorleben. Weder die staatlichen noch die graswurzlerischen Bemühungen haben grundlegend etwas bewirkt. Wie sollen wir das Ruder in der uns verbleibenden Zeit rumreißen, wenn uns das in den letzten 195 Jahren nicht gelungen ist? Ich glaube, dass uns das nur als Menschheit mit allen Ecken und Kanten gelingen wird. Weder können das die Regierungen allein, die willigen Konzerne noch die weltweite Klimabewegung, geschweige denn unsere kleine anarchistische Bewegung. Wir alle zusammen müssen es tun. Und zwar jetzt.


Ursachen
ranking?

„[…] Die Klimakrise lässt sich nur noch durch eine radikale Verkehrswende aufhalten! […]“ schrieb das Bündnis Sand im Getriebe in einer Pressemitteilung vom 15.09.2019 zur Blockade der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main². Lassen wir mal hinten angestellt die Frage, ob sich die Klimakrise überhaupt noch aufhalten lässt und fragen uns, warum das nur „durch eine radikale Verkehrswende“ möglich sein soll. Weil der weltweite auf der Verbrennung von Erdöl basierende Verkehr die einzige Ursache für die Erderwärmung ist? Oder vielleicht zumindest die mit Abstand größte?3

Foto: Holger Ellgaard, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz (CC BY-SA 4.0)

Direkt verantwortlich für den Treibhauseffekt und somit für die Erderwärmung und somit für die Klimakatastrophe sind hauptsächlich Kohlendioxid (aka CO2), Methan (aka Kuhfürze),
Distickstoffoxid (aka Lachgas, entsteht z. B. bei der Düngemittelproduktion) und fluorierte Gase (aka Kühlmittel, Treibgas, Treibmittel)4. Alle diese Gase kommen schon immer in der Atmosphäre vor. Erst durch die beginnende Industrialisierung im 18. Jahrhundert wurden sie durch den Menschen künstlich freigesetzt und produziert und zwar in solchen Mengen, dass Folgen für das Klima nicht ausbleiben konnten.

Die Gase werden in ganz unterschiedlichen Mengen freigesetzt: An erster Stelle steht Kohlendioxid, das hauptsächlich durch die Verbrennung von Erdöl, Kohle und Holz freigesetzt wird. Methan, Lachgas und fluorierte Gase werden zwar in weitaus geringeren Mengen in die Atmosphäre geblasen, sind aber um ein Vielfaches klimawirksamer als Kohlendioxid. Methan ist um das 21-fache, Lachgas um das 310-fache und fluorierte Gase bis um das 11.700-fache schädlicher5.

Die globalisierte, hypermobile Weltgesellschaft und ihre Wirtschaft setzen diese Gase in mannigfaltiger Art und Weise frei: Wir verbrennen Erdöl und seine Produkte Benzin, Diesel und Kerosin und Erdgas in Motoren, um uns selbst und Waren zu transportieren, sei es zu Land, zu Wasser oder in der Luft. Wir verbrennen Erdöl, Erdgas und diverse Kohlearten in Kraftwerken, um Strom für unsere Fabriken, Häuser und unzählige Geräte zu gewinnen und unsere Wohnräume und unser Brauchwasser wohlig warm zu heizen. Wir roden Ur-, Mangroven und Regenwälder und legen Moore trocken, um Weideflächen für Rinder, Anbauflächen für das Futter für diese Rinder zu gewinnen und Palmölplantagen anzulegen. Hier haben wir dann gleich mal eine ganze Kette von Ursachen: 1. Kohlendioxid-Ausstoß durch Brandrodung, 2. fehlende Kohlendioxid-Speicherung durch fehlende Wälder und Moore. Und wo geht das Kohlendioxid hin? Genau, in die Atmosphäre. 3. Methan-Ausstoß durch Massentierhaltung, 4. Lachgas-Ausstoß durch die Düngung der Futtermittelfelder. 5. Kohlendioxid-Ausstoß durch das Verbrennen von Palmöl in Kraftwerken und Automotoren, was der weiteren Regenwaldrodung Vorschub leistet.

Wenn wir nun Sand im Getriebe folgen und uns auf die Verkehrswende konzentrieren, weil nur sie allein uns retten kann, ist das nur die halbe Miete, wenn überhaupt. Nehmen wir aber mal an, dass es uns gelingt, den weltweiten Verkehr auf nichterdölbasierte Energieerzeugung umzukrempeln und unseren Mobilitätswahn generell zu kurieren, bleiben immer noch die Stromerzeugung, die industrielle Landwirtschaft und die Erzeugung von Tierprodukten. Will Sand im Getriebe davon nichts wissen? Ist‘s dann gut und genug mit der Klimarettung? Oder soll‘s dann weitergehen? Oder wäre es nicht besser, die Problematik ganzheitlich zu betrachten? Wie können wir die verschiedenen Ursachen überhaupt voneinander trennen? Und ein Ursachenranking aufstellen? Ich finde gerade hier zeigt sich wunderbar, wie krass verflochten im globalen Kapitalismus alles ist: Die heutige Herstellung von Tierprodukten wie Fleisch, Milch, Eier, Leder wäre ohne den weltumspannenden Warenverkehr, der auf der Verbrennung von fossilen Brennstoffen beruht, gar nicht denkbar. Wie entdröseln wir nun die einzelnen, aber miteinander verfilzten Anteile an der Klimaerwärmung? Und warum sollten wir das tun, wenn wir doch eigentlich wissen, was die Ursache der Ursachen ist? Soll ich‘s schreiben? Ja, im Jahre 2019 darf ich das als Anarchist: Hinter all dem steht der Kapitalismus. Eine Binsenweisheit, klar, aber sie muss immer wieder ausgesprochen werden. Weder E-Bikes noch E-Autos, weder vegane Schnitzel von Rügenwalder Mühle noch der Sojadrink von Alpro und weder unser angelegtes Erspartes bei der Umweltbank werden uns die Klimakatastrophe ersparen. Was bringt es, wenn jede*r von uns mit ihrem*seinem verkackten E-Auto von VW in den Supermarkt fährt, um vegane Convenience-Produkte von einem Molkereikonzern mit „grün“ erwirtschaftetem Geld zu kaufen? Dem Konzern im Kapitalismus ist es scheißegal, was er verkauft. Sein einziges Interesse gilt dem Profit. Womit er ihn erzielt ist zumindest zweitrangig. Profit stellt sich letzten Endes als Wachstum dar, der nur möglich ist, weil vorhandene – endliche – Ressourcen verbraucht werden. Da im Kapitalismus immer Profit gemacht werden muss, darf Wachstum niemals enden. Und das ist die Krux: Wie kann es unendlichen Wachstum in einem begrenzten System geben? Auch der nichtfossile und vegane Kapitalismus würde mittelfristig unsere Lebensgrundlagen zerstören, nachdem er eine Zeit lang mehr schlecht als recht durch den neuen Input funktioniert hat. Er wird einen Weg finden, weil er immer einen Weg findet. Alles zu vereinnahmen ist eines seiner Wesenszüge.


Bewegung!

Spätestens seit die durch Greta Thunberg losgetretene Fridays For Future-Bewegung ist Bewegung in die Klimadebatte gekommen, immer mehr Menschen machen sich Gedanken um ihre Zukunft und die ihrer Kinder und werden aktiv. Sogar viele der von uns so geliebten Parlamentarier*innen erkennen die Bedrohung an und tun ihr Bestes.

Die Menschen von Fridays For Future haben geschafft, was viele vor ihnen nicht hinbekommen haben: Sie haben eine weltweite Bewegung angestoßen, die die Klimakatastrophe aufhalten will. Und zwar aus einem sehr legitimen Grund: Sie wollen u. A. eine lebenswerte Zukunft für sich selbst. Sie bedienen sich dabei durchaus anarchistischer Werkzeuge: Sie kämpfen für ein Ziel dezentral, autonom, partei- und regierungsunabhängig und hierarchiearm. Und sie tun dies alles, indem sie immer wieder Regeln und Gesetze bewusst brechen und zivilen Ungehorsam anwenden. Ich bin mir sicher, dass ihr Erfolg direkt mit all dem zusammenhängt. Warum wohl hatte die von oben diktierte Sammlungsbewegung „Aufstehen“ von Sarah W. kaum Bestand?

Anarch@s auf der Demo Klimawandel stoppen – Kapitalismus abschaffen in Offenburg am 16.03.2019. Foto: nigra

Im Zuge von Fridays For Future gewannen die Klimacamps, die Besetzung im Hambacher Wald und Extinction Rebellion und andere Klimakämpfe an Zulauf und Aufmerksamkeit. Auch diese zeichnen sich nicht gerade durch ihre Gesetzestreue, Konzernliebe und staatstragendes Auftreten aus. Im Gegenteil geben sie sich in ihren direkten Aktionen betont kämpferisch, kapitalismuskritisch und staatsfern. Natürlich sind das nicht alles Anarchist*innen. Das müssen sie auch gar nicht sein, wichtig für uns ist, dass sie anarchoid agieren. Das gibt uns sehr leicht die Möglichkeit, mitzukämpfen und unsere Ideen miteinzubringen. Ich finde nicht, dass wir es uns in dieser Zeit leisten dürfen, auf der reinen Lehre zu bestehen (Das sollten wir eigentlich nie.). Dafür geht es um zu viel. Und dass es um viel geht und dass das den Leuten bewusst ist, zeigt auch der auf fast jeder Aktion zu lesende Slogan „System Change, Not Climate Change!“. Klar, wir könnten unterstellen, dass es halt nur ein cooler Spruch ist und die, die ihn tragen, es gar nicht so radikal meinen. Aber warum sollten wir das tun? Ich gehe lieber davon aus, dass sie genau wissen, was sie damit fordern. Nämlich die Abkehr vom Kapitalismus.
Das Gute ist, dass ich in vielen Städten sehe, dass organisierte Anarchist*innen sich in die Klimabewegung einbringen6.


Lösungsvorschläge und Taten aus allen Richtungen

Immer wieder können wir lesen und hören, dass wir nur richtig konsumieren müssen, um die Klimakatastrophe aufzuhalten: Kauft euch ein E-Bike! Esst veganen Käse! Trinkt Öko-Bier! Tragt Hosen aus Bio-Baumwolle! Benutzt Kondome aus Natur-Kautschuk! Telephoniert mit dem Fairphone! Ich selbst tue vieles davon, u. A. weil mein Gewissen mich dazu zwingt. Und wenn wir uns vorstellen, dass wie durch ein Wunder plötzlich alle Menschen so toll wären wie ich (vielleicht wie durch die Anarchie-Bombe in Gerhardt Seyfrieds Comic „Invasion aus dem Alltag“ alle zu Anarchist*innen werden?), dann wäre die Katastrophe abgewendet, oder? Leider ist der Kapitalismus so wunderbar pluralistisch und tolerant, dass er für alle Bedürfnisse, Vorlieben und Macken (die er ja selber hervorgerufen hat…) sorgt und Waren vorhält: Alles wird bedient! Für jede*n ist gesorgt! Er produziert coole Sachen wie Photovoltaik-Paneele. Aber er produziert auch bescheuerte Dinge wie SUVs. Da ist er ganz altruistisch. Außerdem lässt sich so viel besser Geld machen. Er macht es möglich, dass in den letzten Jahren die Anzahl der vegan lebenden Menschen gestiegen ist7, die Fleischproduktion in der gleichen Zeit aber trotzdem zugenommen hat8.

Trotzdem ist es nicht falsch, klimafreundlich und vegan zu konsumieren. Die Synergieeffekte, die durch das ganze Drumherum entstehen, sollten nicht unterschätzt werden: Wenn sich Menschen Gedanken darüber machen, wo ihre Sachen und Nahrungsmittel herkommen, wie, von wem und mit welchen Folgen sie hergestellt werden, wenn sie mit anderen Menschen darüber sprechen, sich weiter informieren, sich Alternativen ausdenken und umsetzen und sich schließlich organisieren, ist das eine gute Sache. Eine Folge davon sind z. B. die überall entstehenden Solidarischen Landwirtschaften. Sie und andere ökologische Projekte könnten Teil der kommenden Transformation sein.

Immer wieder werden neue Technologien und Technik-Gimmicks entwickelt, die im Kampf gegen den Klimawandel hilfreich sein sollen. Das reicht von der KlimaTellerApp über in der Atmosphäre Chemikalien versprühende Raketen bis hin zur Verpressung von Kohlendioxid ins Erdreich und Weltraumspiegeln, die die Sonnenstrahlen von der Erde fern halten sollen. Viele dieser Produkte und Ideen sind reiner Schwachsinn, z. B. weil sie auf einem Weiter-So basieren, technologiegläubig sind und der Idee des grünen Kapitalismus Vorschub leisten. Andere wiederum können durchaus dazu beitragen, die Erderwärmung aufzuhalten und tun es schon. So ist es natürlich sinnvoll, dass wir unsere komplette Energiegewinnung auf erneuerbare Energien umstellen: Photovoltaik, Solar, Windräder, Wasserkraft. Aber ist es sinnvoll, dass wir weiterhin hypermobil in der Weltgeschichte herumreisen, jede*r in seinem*ihrem eigenen E-Auto? Sollten wir wirklich immer mehr Strom verbrauchen, nur weil es jetzt LED-Leuchtmittel gibt und wir immer mehr dazu tendieren in Single-Wohnungen zu leben?

Von Verboten wollen wir Anarchist*innen eher wenig wissen. Eine unserer Prämissen aus sozialer Perspektive lautet „Es ist verboten zu verbieten“. Auch die Wirtschaft und ihr angeschlossene Parteien finden Verbote und Vorschriften – aber aus anderen Gründen – doof. Denn sie würden den Wettbewerb verzerren, Arbeitsplätze gefährden und verhindern, dass der freie Markt das Klima von selbst rettet. Denn das würde er tun, wenn wir ihn nur machen lassen würden. Dass der freie Markt (Deckname des Kapitalismus) nie etwas für alle Menschen zum Guten regelt, können wir jeden Tag, seit es ihn gibt, beobachten. Warum sollte er dann die Klimakatastrophe verhindern? Also: Nur her mit den Verboten und Vorschriften: Von mir aus kann jeder Tag Veggie-Tag sein, Kohleverstromung komplett verboten werden u.v.m. Und jede Zuwiderhandlung mit Milliarden Euro an Strafen geahndet werden. Der bürgerliche Rechtsstaat besteht förmlich aus Verboten. Da kann es ruhig auch mal ein paar sinnvolle geben.

Obwohl die USA als weltweit zweitgrößter Produzent von klimawirksamen Gasen agiert9, sind sie nun endgültig aus dem Pariser Kimaabkommen ausgetreten. Das ist – auch wenn die Klimaabkommen bisher nicht viel gebracht haben, ein fatales Signal. In den USA selbst ist der Austritt hochumstritten und viele Bundesstaaten, Städte und Gemeinden wollen am Zwei-Grad-Ziel festhalten und arbeiten munter weiter am technologischen und gesellschaftlichen Umbau. Sie kümmert recht wenig, was ihr oberster White Supremacist sagt. Weltweit gibt es immer mehr Städte, die den Klimanotstand ausrufen, sich in Bündnissen zusammenschließen und parallel dazu daran arbeiten, ihre Infrastruktur klimafreundlicher zu gestalten.

Schon seit Jahren betreiben Konzerne das sogenannte Greenwashing: Sie geben sich ein umweltbewusstes, ökologisches Image. Eine der einfachsten Methoden ist hier die Farbe Grün im Firmenlogo und der Werbung zu verwenden. Wir sind alle darauf getrimmt, dass grün Natur und umweltfreundlich bedeutet. Eine andere Methode ist, einfach zu behaupten, dass jetzt umweltverträglicher produziert werde. Aber es gibt auch schlicht und ergreifend, Firmen, die das wirklich versuchen und tun. Sie produzieren z. B. nur noch mit Öko-Strom, filtern ihre Abgase, recyceln ihre Reste und Abfälle, investieren Teile ihres Profits in neue klimafreundliche Technologien. Wenn alle Energiekonzerne auf Erneuerbare umstellen würden (Einige haben schon die Weichen dafür gestellt), würde extrem viel Kohlendioxid eingespart werden. Für mich macht es Sinn, wenn sich Firmen klimaneutral umbauen. Brauchen wir den Kapitalismus, um die Klimakatastrophe aufzuhalten? Müssen wir erstmal den Bock zum Gärtner machen, bevor wir ihn loswerden können? Ich glaube – auch hier wieder der Zeitfaktor – ja.
Langfristig müssen wir den Kapitalismus überwinden und eine herrschaftsfreie Gesellschaft aufbauen. Alles andere ist Nonsens.


Fronten

Wo verlaufen die Fronten im Kampf gegen die Klimakastrophe? Verlaufen sie kreuz und quer? Zwischen Oben und Unten? Zwischen Norden und Süden? Westen und Osten? Arm und Reich? Zwischen Kapitalist*innen und Antikapitalist*innen? Zwischen Staatsfans und Anarchist*innen?

Banner-Drop auf der Abschlusskundgebung des Aktionstages gegen die Neueröffnung der EZB in Frankfurt am Main am 18.03.2015. Foto: nigra

Eine der wichtigsten Fronten verläuft für mich zwischen den Leugner*innen der Klimakatastrophe und denen, die sie anerkennen und etwas dagegen tun wollen. Die Leugner*innen sind praktischerweise fast deckungsgleich mit den Arschlöchern, die wir sowieso schon immer bekämpfen: Rassist*innen (prominentes Beispiel: Donald Trump), Faschist*innen (prominentes Beispiel: Jair Bolsonaro), Rechtspopulist*innen (prominentes Beispiel: Beatrix von Storch), Verschwörungstheorie-Gläubische, Anti-Feminist*innen, Maskulinisten und andere Hohlbirnen. Diese Kongruenz scheint mir ein nicht unbedeutender Hinweis darauf zu sein, dass wir mit vielen Dingen, für die wir kämpfen nicht sooo falsch liegen können, wahrscheinlich sogar schlicht und ergreifend recht haben. Wir schlagen also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir bekämpfen die Feind*innen der Freiheit und die Leugner*innen der Klimakatastrophe. Cool.

Natürlich steht der Kapitalismus auf der anderen Seite der Barrikade. Bei den einzelnen Protagonist*innen des Kapitals bin ich mir nicht so sicher. Natürlich finden sich auch dort viele, die den Klimawandel leugnen und aktiv vorantreiben, aber es finden sich immer mehr, die ihn und ihre eigene Rolle dabei anerkennen und etwas dagegen tun wollen. Wie kann ich z. B. – mit dem Zeitfaktor und der Annahme im Hinterkopf, dass jedes eingesparte Gramm Kohlendioxid gut ist – dagegen sein, wenn ein Energiekonzern von fossiler auf erneuerbare Energiegewinnung umsteigt? Der arme Konzernchef hat im Hier und Jetzt gar keine andere Möglichkeit: Er spielt nach den Regeln des Spiels und versucht Gutes damit zu tun. Ich würde diesen Menschen im Kontext des Kampfes gegen die Klimakatastrophe nicht als Gegner ansehen wollen. Enteignen würde ich ihn im Zuge der sozialen Weltrevolution trotzdem.

Die Front verläuft für mich also im Hier und Jetzt, in diesem kleinen Zeitfenster, das uns bleibt, um das Zwei-Grad-Ziel10 zu erreichen, zwischen denen, die etwas gegen die Klimakatstrophe tun wollen und jenen, die das kalt lässt. Darum müssen wir Bündnisse auch mit Menschen und Gruppen eingehen, die keine Anarchist*innen sind. Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreicht haben, geht‘s all den anderen Zuständen an den Kragen, die uns daran hindern, ein gutes Leben für alle zu erkämpfen.


Apokalypse vs Utopia

„Wir werden nicht durchkommen, nicht wahr? Wir Menschen, meine ich.“
„Es liegt in eurer Natur, euch selbst zu zerstören.“
„Ja. Megaätzend.“11

Fernsehserien und Kinofilme schwelgen in apokalyptischen Szenarien: In gefühlt jeder zweiten Produktion geht die Menschheit oder gleich die ganze Erde unter im Strudel einer Zombieapokalypse, eines Angriffs von Außerirdischen oder der Folgen eines aus dem Ruder gelaufenen technologischen Experiments. Die wenigen Überlebenden sind dann meist damit beschäftigt, sich gegenseitig umzubringen, faschistoide Mini-Gesellschaften aufzubauen oder das eine rettende Wunder-Gadget zu finden, das alles wieder rückgängig machen und der Menschheit eine zweite Chance geben kann. Ich kann diesen Eskapismus gut nachvollziehen und mochte postapokalyptische Filme schon immer. Es ist herrlich in diesen Fantasien zu schwelgen, wohnt ihnen doch immer auch die Chance auf einen Neuanfang inne. Ein Neuanfang ohne die ganze Scheiße.

Gemeinsam auf dem SoLaWi-Acker zu arbeiten, motiviert ungemein – auch zu andere Dingen. Foto: nigra

Doch nun steht die Apokalypse in echt vor der Tür und viele Menschen verschließen vor ihr die Augen und flüchten sich in gespielte Weltuntergänge. Ist der echte zu grauenhaft? Warum treibt das vorhandene Wissen die Menschen nicht zu hunderten von Millionen auf die Straßen der Welt? Sind sie gelähmt vor Entsetzen? Was macht das Wissen um einen möglichen, ja wahrscheinlichen Weltuntergang psychologisch gesehen mit uns Menschen?

Der Klimawandel und all seine Aspekte haben schon jetzt messbare, negative Auswirkungen auf die Psyche vieler Menschen. Direkt Betroffene von z. B. Überflutungen oder der Eisschmelze reagieren mit Angsterkrankungen, Traumata, Suchterkrankungen und Selbsttötungen. Im englischsprachigen Raum bezeichnet der Begriff Solastalgia den Schmerz darüber, dass ein geliebter Ort bedroht ist.12 Wenn ich also z. B. weiß, dass meine über alles geliebten Alpen durch die Eisschmelze in naher Zukunft vielleicht nur noch zusammenbrechende Steinhaufen sein werden, erschüttert mich das in meinem tiefsten Inneren. Die weiteren, subtileren Folgen dieser existenziellen Neurose lassen sich nur erahnen und werden von Psychtherapeut*innen immer häufiger thematisiert.13

Der Autor Jonathan Safran Foer vermutet in seinem neuen Buch „Wir sind das Klima!“14, dass die meisten Menschen zwar um die kommende Klimakastrophe wissen, aber nicht an sie glauben.15 Er schreibt, dass Wissen immer auch mit Gefühlen verknüpft werden müsse. Erst dann komme es zum Handeln. Und nur das Handeln ist das, was zählt. Ich weiß nicht, ob ich diese These teilen kann. Warum sollten bei den Menschen keine Gefühle aufkommen, wenn sie an diese düstere Zukunft denken? Warum sollten Eltern sich nicht um die Leben ihrer Kleinen sorgen? Menschen in der Tretmühle des Kapitalismus neigen dazu, Missstände zwar zu erkennen, sie aber zu verdrängen, sich an sie zu gewöhnen, sich nach der Lohnarbeit von was auch immer berieseln zu lassen, schließlich muss morgen wieder malocht werden. Das spielt meiner Meinung nach auch hier eine große Rolle. Nicht umsonst werden soziale Bewegungen oft von eher jungen Menschen (Schüler*innen, Student*innen) getragen: Sie haben Zeit und Nerv, sich zu kümmern. Sie haben Bock auf Utopie, wollen Neues erschaffen und das Alte (und die Alten) hinter sich lassen. Und Utopien sind genau das, was wir brauchen. Wir müssen uns gemeinsam Gedanken darüber machen, in was für einer Zukunft wir leben wollen. Wir dürfen uns nicht von der Düsternis bremsen lassen. Sich zu organisieren, sich mit den Problemen bewusst, gemeinsam und offen auseinanderzusetzen, schafft Resilienzen, gibt Hoffnung, eröffnet Auswege, zeigt Lösungen und macht stark. Gerade wir als Anarchist*innen haben viele Ideen und Vorstellungen, wie eine herrschaftsfreie, bedarfsorientierte und ökologische Gesellschaft aussehen kann. Und genau diese drei Prämissen müssen in einer zukünftigen Gesellschaft erfüllt sein, damit wir nicht bald wieder in einer ähnlichen Situation sind. Staaten, ihre herrschenden Regierungen und der Zustand des Regiert-Seins, der ständig Wachstum generierende Kapitalismus und das Scheißen auf die Ökosysteme haben uns in die Situation gebracht, in der wir uns jetzt befinden. Es wäre total dämlich, wenn wir zwar alle gemeinsam die ärgsten Auswirkungen der Klimakastrophe aufhalten, dann aber so weiter machen, wie bisher. Wir sollten aus den so offensichtlichen Fehlern lernen.


Ausblicke

Ein Genosse von mir, der seit vielen Jahren zum Thema Klimawandel arbeitet, sagte auf einem seiner Vorträge, dass er davon überzeugt sei, dass die Menschheit durch einen Flaschenhals gehen werden müsse. Mit anderen Worten: Er denkt, dass ein Großteil der sieben Milliarden Menschen auf der Erde durch die Klimakatastrophe umkommen wird. Damit steht er nicht allein da. Viele Menschen, die sich beruflich mit dem Thema beschäftigen, die seit Jahren in der Umweltbewegung aktiv sind oder sich einfach tief in die vielen Publikationen dazu eingelesen haben, gehen davon aus, dass das Ganze richtig schlimm werden wird.16 Nun ist die Menschheitsgeschichte ja nicht gerade arm an Katastrophen: Unzählige Kriege haben Millionen Opfer gefordert und wüteten schon zwei Mal auf fast der ganzen Erde. Bei Hungerkatastrophen sterben immer wieder hunderttausende. Der Kalte Krieg brachte die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Die Supergaue von Tschernobyl und Fukushima strahlen noch heute vor sich hin. Diese Katastrophen waren und sind für sich genommen schlimme Ereignisse, die viel Leid verursacht haben. Aber: Sie waren begrenzt auf einen Zeitraum und meist auch auf ein Gebiet. Die kommende Klimakastrophe wird das nicht sein. Sie wird global und allumfassend sein. Sie wird alles betreffen, was uns als Menschen ausmacht. Sie hat das Potenzial, alle positiven, emanzipatorischen gesellschaftlichen Errungenschaften zunichte zu machen.

Die gefürchtete A-Bombe aus Gerhard Seyfrieds Comic Invasion aus dem Alltag

Was können wir als marginale anarchistische Bewegung tun? Wenn das Ganze wirklich apokalyptische Ausmaße annimmt, wie können wir da hoffen, dass wir das überleben werden? Es liegt nicht wirklich in unserer „Natur“ über Leichen zu gehen. Andere sind da nicht so zimperlich, viel besser ausgerüstet und aufgestellt als wir. Was wir tun können, ist – abgesehen davon, uns an der Klimabewegung zu beteiligen – , uns vorzubereiten, Netzwerke zu bilden, Skills zu erwerben und uns in Projekte einzubringen, die im Hier und Jetzt schon an Alternativen arbeiten (hier halte ich die schon erwähnten SoLaWis für besonders sinnvoll). Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen preppermäßig an, aber was sollte daran falsch sein, sich auf kommende Zustände adäquat vorzubereiten? Waldbäuer*innen z. B. sind jetzt schon dabei, Baumarten zu pflanzen, die mit den zu erwartenden Wetterveränderungen besser zurecht kommen als die einheimischen Monokulturen. Die Energiewirtschaft stellt sich seit Jahren langsam auf erneuerbare Energiequellen um (auch hier waren es graswurzelbewegte Menschen, die mit EWS vorangingen17). In unserer SoLaWi werden unterschiedliche Gemüsesorten angebaut, um herauszufinden, welche auf welche Art und Weise in den jetzt schon spürbaren Klimaveränderungen, am besten wachsen.

Wir können uns der scheinbaren Ausweglosigkeit der Situation ergeben und aufgeben oder uns – wie wir es schon immer tun – mit unseren revolutionären Ideen, Methoden, Erfahrungen und Werkzeugen in die verschiedenen Bewegungen einbringen. Meine Erfahrung ist, dass die meisten engagierten Menschen gar nicht so weit weg von unseren Inhalten sind. Wenn wir gemeinsam mit allen (jede*r sucht sich da seine Bundesgenoss*innen selber aus), die die Klimakatstrophe abwenden wollen, zusammenarbeiten, erfahren alle Beteiligten wieder Selbstwirksamkeit, Mut und Hoffnung. Ich bin mir sicher, dass wir es gemeinsam schaffen werden, die schlimmsten Folgen der Erderwärmung aufzuhalten. Wenn das erst mal geschafft ist, erwachsen aus dieser Erfahrung – „Wir saßen alle im selben Boot und haben es gemeinsam geschafft!“ – neue Kräfte und Ideen, wie es weiter gehen kann. Den Kapitalismus und die Herrschaft von Menschen über Menschen zu überwinden, dürften die übernächsten Schritte sein. Immer mehr Menschen erkennen das.

Das alles muss kaputt, das alles muss weg…verbreitet Hoffnung wie eine Krankheit, macht euch Mut und steckt euch gegenseitig an!“18

Endnoten

¹ Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Treibhauseffekt
² PDF: https://sand-im-getriebe.mobi/wp-content/uploads/2019/09/190915-PM-4-Abschluss_final.pdf. Ich pflücke dieses Beispiel nicht heraus, weil ich die Aktionen von Sand im Getriebe falsch finde. Im Gegenteil finde ich sie richtig und wichtig. Mir gefällt nur die Fokussierung auf eine Ursache nicht, ja ich halte sie für falsch.
³ siehe z. B. hier: https://www.vegan.at/inhalt/klimawandel-tierisch-gut?
4 siehe z. B. hier: https://ec.europa.eu/clima/change/causes_de
5 Greenpeace: https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/welche-treibhausgase-verursachen-die-erderw%C3%A4rmung
6 siehe z. B. den Artikel Unser Fazit der Aktion #LeipzigerAutofrei am 21.09. in der Gaidao 105.
7 ProVeg international: https://proveg.com/de/pflanzlicher-lebensstil/vegan-trend-zahlen-und-fakten-zum-veggie-markt/
8 Weltagrarbericht: https://www.weltagrarbericht.de/aktuelles/nachrichten/news/de/33467.html
9 siehe z. B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Kohlenstoffdioxidemittenten
10 siehe z. B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Grad-Ziel
11 Wer herausfindet, woher dieses Zitat stammt, gewinnt was schönes! Meldet euch bei nigra@riseup.net. Meinen öffentlichen Schlüssel und den dazugehörigen Fingerabdruck findet ihr hier: nigra.noblogs.org/kontakt/.
12 siehe z. B. hier: https://www.klimafakten.de/meldung/klimawandel-essen-seele-auf
13 siehe z. B. hier: https://www.psychotherapeutenjournal.de/blaetterkatalog/PTJ-3-2019/23/index.html#zoom=z
14 Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können: https://www.kiwi-verlag.de/buch/wir-sind-das-klima/978-3-462-32021-3/
15 taz: https://taz.de/Die-Erderhitzung-und-wir/!5628235&s=Jonathan+Safran+Foer/
16 siehe hierzu z. B. das Buch Desert von Anonymus, erschienen bei Unrast 2016: https://unrast-verlag.de/neuerscheinungen/desert-detail
17 EWS: https://www.ews-schoenau.de/ews/geschichte/
18 Früchte des Zorns: Steckt euch gegenseitig an http://www.fruechtedeszorns.net/musik/fof/Fruechte_des_Zorns-fallen_oder_fliegen-02-Steckt_euch_gegenseitig_an.mp3

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Juhu: linksunten ist zurück! Zumindest als Archiv…

Seit ca. 30 Monaten ist die allseits beliebte Open Posting Plattform linksunten.indymedia.org nach dem Verbot des Bundesinnenministeriums  offline.
Nun haben mutige und findige Menschen die Seite als statisches Archiv bereit gestellt. In dem auf de.indymedia.org erschienenen Artikel Archiv von Indymedia linksunten veröffentlicht heißt es:

«The resistance is global… a trans-pacific collaboration has brought this web site into existence.»

so begann der erste Eintrag auf seattle.indymedia.org am 24. Nobvember 1999. Mit der Gründung des Indymedia Netzwerkes haben wir die Berichterstattung und Öffentlichkeitsarbeit unserer Aktionen und Proteste in unsere eigenen Hände genommen. Die Anti-Globalisierungsbewegung hat mit Indymedia die Möglichkeit einer anderen, solidarischen und empowernden „Globalisierung“ gezeigt.

«Harte Zeiten erfordern unabhängige Medien…»

so beschrieben es die Initiator*innen von linksunten.indymedia.org zur Gründung ihrer Plattform.

20 Jahre nach der Gründung von Indymedia und über 10 Jahre nach der Gründung von linksunten.indymedia.org wollen wir diese Worte aufgreifen und die Solidarität erneut entfachen.

Am 25. August 2017, wenige Wochen nach kraftvollen Protesten gegen den G20 in Hamburg im Juli 2017 schlugen Sicherheitsbehörden und Politik zurück und verboten mit linksunten.indymedia.org eine unserer wichtigsten Platformen des Austauschs und der Diskussion. Mit dem Abschalten der Seite gingen auch 10 Jahre Bewegungsgeschichte verloren… Oder auch nicht.

Indymedia hieß immer, selbst zu entscheiden ob etwas veröffentlicht wird oder auch nicht. Darum entscheiden WIR uns jetzt, diese 10 Jahre Bewegunsgeschichte wieder zugänglich zu machen. Kein Staat und keine Polizei kann uns daran hindern. Das Internet vergisst nicht.

Wir haben heute das vollständige Archiv von linksunten.indymedia.org unter der Adresse https://linksunten.archive.indymedia.org/ veröffentlicht. Aus dem Tor-Netzwerk erreicht ihr das Archiv direkt über folgende Onion-Adresse: http://xrlvebokxn22g6x5gmq3cp7rsv3ar5zpirzyqlc4kshwpfnpl2zucdqd.onion/

Die einzigen Archive der Bewegungen haben die Bewegungen selbst hervorgebracht und niemand wird unsere Geschichte erzählen, wenn wir es nicht selbst tun.

Ein paar Dinge möchten wir klarstellen:

• Wir haben keinerlei Verbindung zu den Menschen, die linksunten.indymedia.org ursprünglich betrieben haben. Wir sind einfach ein paar Aktivist*innen, denen es wichtig ist, diese Seite als Archiv zugänglich zu machen. Informationen zu den anstehenden Verfahren findet ihr hier: https://linksunten.soligruppe.org/

• Das Archiv ist statisch. Es bietet keine Möglichkeiten der Interaktion, Postings oder ähnlichem und so wird es auch bleiben.

• Das statische Archiv der Seite ist auch als Download in Form von Zipdateien verfügbar. Die Links zu den Dateien findet ihr auf der Startseite des Archivs (https://linksunten.archive.indymedia.org/). Ladet es herunter, teilt es und erstellt Mirrors der Seite. WIR sind ALLE verantwortlich für unsere Geschichte.

Vielen Dank an die Menschen, die das möglich gemacht haben. Die Seite ist der Hammer! Die Filter- und Suchmöglichkeiten sind wirklich vielfältig und auf Anhieb – indem ich den Filter „Accounts“  betätigte – fand ich alle meinen Artikel, die ich von 2009 bis 2017 auf linksunten gepostet hatte. Das Archiv funktioniert einwandfrei und ich freu mich tierisch!

Still hating the state!
Still loving linksunten!

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